Was bedeutet überkauft oder überverkauft?

Als überkauft oder überverkauft gelten Märkte, deren Kursbewegung über das Ziel der fundamentalen Bewertung hinausschießt. Das bedeutet, die Preisentwicklung an der Börse entspricht nicht mehr dem inneren Wert des Assets, der sich anhand von Fundamentaldaten berechnen lässt. Diese Darstellung verweist schon darauf, dass die Begriffe „überkauft“ und „überverkauft“ aus dem Aktienmarkt stammen, denn der innere Wert von Aktien lässt sich verhältnismäßig gut mit der Fundamentalanalyse berechnen.

Wie stellen sich überkaufte und überverkaufte Märkte charttechnisch dar?

Charttechnisch ist der Zustand an heftigen Kursausschlägen in die eine oder andere Richtung zu erkennen, die offensichtlich irrational wirken. In einem schon etablierten Aufwärtstrend erfolgt ein nochmaliger, sehr steiler Kursanstieg nach oben. Es gibt Trader, die schon einen Anstieg der Kurve in einem Winkel über 45° als Vorbote eines überkauften Zustands betrachten. Dieselben Trader verweisen darauf, dass ein überverkaufter Zustand nicht so einfach zu erkennen ist, denn Märkte fallen häufig sehr schnell, steigen aber eher allmählich.

RSI überkauft überverkauft

Konsequenzen aus überkauften und überverkauften Zuständen

Die Konsequenz nach solchen Extremen ist in der Regel, dass der Trend relativ plötzlich bricht, weil ab einem bestimmten „überkauften“ Zustand keine neuen Käufer mehr einsteigen, bei einem überverkauften Zustand fehlen dann die Verkäufer. Ein Trendwechsel dürfte bevorstehen. Im überkauften Markt steigen Shortseller ein, sie verkaufen Aktien leer oder setzen auf das Asset mit Put-Derivaten. Im überverkauften Markt finden sich alsbald Käufer, die zu solch günstigen Kursen wieder einsteigen. Dieses Verhalten lässt sich auch an der technischen Reaktion des Marktes erkennen. Nach den entsprechenden Zuständen erfolgt eine signifikante Gegenreaktion des Marktes, die nicht zu übersehen ist.

RSI als Indikator für den überkauften oder überverkauften Markt

Der RSI (Relative Strengh Index) nach Wilder ist einer der Oszillatoren, der diesen Zustand vergleichweise gut anzeigt. Welles Wilder entwickelte ihn 1978 für den Aktienmarkt, was unbedingt zu beachten ist (die Anlageklasse und das Jahr). Aktien können schon immer gut fundamental bewertet werden (siehe oben), ab Ende der 1940er bis zum Ende der 1970er Jahre stiegen sie auch sehr natürlich an. Wilder konnte also davon ausgehen, dass es eine natürliche Aktienmarktentwicklung mit steigenden Kursen gibt, innerhalb derer sich gelegentlich Überkauft- oder Überverkauftsituationen einstellen. Von dieser Grundhypothese geht man im Jahr 2015 nicht unbedingt aus, seit sich seit den 1980er Jahren die Crashs häuften. Der RSI oszilliert zwischen 0 und 100, die Berechnung erfolgt nach der Formel

RSI = 100 – (100:[1+RS]),

wobei der RS der Quotient aus durchschnittlichen Aufwärts- und Abwärtsveränderungen innerhalb eines gewählten Zeitraums ist. Wilder wählte für den Aktienmarkt 14 Tage, auch neun oder 25 Tage sind oft üblich. Das zeigt auf, dass etwa beim Forex- oder Indextrading ein RSI nach Wilder kaum anzuwenden ist, schon gar nicht im Daytrading. Wenn jedoch Überkauft- und Überverkauftzustände betrachtet werden, gewinnen die Werte 70 und 30 eine besondere Bedeutung: Alles über einem RSI von 70 soll überkauft, alles unter 30 überverkauft sein.

Überkauft und überverkauft: Kritik

Seit den 1990er Jahren gerieten die Begrifflichkeiten des Überkauft- oder Überverkauftzustandes in die Kritik, beispielsweise durch die Publikationen des Traders Joe Ross. In seinem Buch „Daytrading“ lehnt er die entsprechende Betrachtung ausdrücklich ab. Sein Kommentar lautet dazu knapp: „Das gibt es nicht.“ Ross bezog sich dabei auf zwei Marktphänomene, die es tatsächlich gibt:

  • Im kurzfristigen Trading ist ein RSI kaum anwendbar, es sei denn, der Trader würde die richtige Zeiteinstellung (im Stundenchart!) finden. Das ist aufgrund wechselnder Volatilitäten kaum möglich.
  • Aufgrund der unglaublichen Marktentwicklungen seit den 1980er Jahren hat sich eher die These durchgesetzt, dass Trends in beide Richtungen prinzipiell endlos dauern können. Das lässt die Vermutung eines „Überkauft“- oder „Überverkauft“-Seins obsolet erscheinen.

Trader müssen heute selbst durch experimentelles, am besten virtuelles Trading entscheiden, wie sie mit dem RSI und den entsprechenden Hypothesen umgehen.


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